Veröffentlicht 11.07.2025
Drohender Kollaps auf der Schiene: NWL fordert sofortige Entkoppelung dringender Baumaßnahmen
Angesichts massiver Verzögerungen bei der Generalsanierung überlasteter Schienenkorridore mahnt der Nahverkehr Westfalen-Lippe ein schnelles Handeln bei dringenden Einzelmaßnahmen an, um Förderfristen einzuhalten und drohende Einschränkungen im Regionalverkehr abzuwenden.
Die Deutsche Bahn (DB) plant, bundesweit rund 40 hoch ausgelastete Schienenkorridore grundlegend zu sanieren. Zwar sind die umfangreichen Arbeiten jeweils mit Sperrungen von fünf bis sechs Monaten verbunden, haben aber im Ergebnis erheblichen positiven Einfluss auf die Qualität des Schienenverkehrs. War bislang die Umsetzung von acht bis neun Maßnahmen pro Jahr vorgesehen, hat der DB Konzern aktuell bekannt gegeben, den Zeitplan strecken zu wollen. Da nun Arbeiten an lediglich maximal fünf Korridoren jährlich beabsichtigt sind, verzögert sich die zeitliche Abfolge entsprechend. Vorgesehen ist, den Umsetzungszeitraum an die Laufzeit des Sondervermögens zur Infrastrukturfinanzierung anzupassen. Vorbehaltlich der Zustimmung des Bundes, würde die sukzessive Umsetzung der Korridorsanierungen damit erst 2036 zum Abschluss kommen.
Auch der Raum des Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) ist von dieser zeitlichen Streckung betroffen: Die dortigen Korridormaßnahmen sollten ursprünglich zwischen 2028 und 2030 umgesetzt werden. „Wir verstehen, dass Anpassungen des Zeitraums im Sinne einer realistischen, belastbaren Planung und Umsetzung nötig werden“, sagt NWL-Geschäftsführerin Christiane Auffermann. „Als für den Schienennahverkehr in Westfalen-Lippe erwarten wir jedoch, dass dringende Einzelmaßnahmen bei den Anpassungen berücksichtigt werden.“ Seine Erwartungen habe der NWL der DB aktuell auch in einer detaillierten Stellungnahme mitgeteilt. „Die betreffenden Maßnahmen müssen von den aktuellen Planungen entkoppelt und zeitnah in die Tat umgesetzt werden.“ Dabei müssten zwingende Erfordernisse wie Förderfristen, Betriebskonzepte sowie Ankermaßnahmen mit Qualitätsgewinn berücksichtigt werden. „Wichtige Projekte auf der Schiene dürfen einfach nicht auf der Strecke bleiben.“
So ist aus Sicht des NWL die Umsetzung der Arbeiten auf dem Korridor Münster – Osnabrück nun erst nach 2033 kritisch, da die Bahnstromversorgung in Münster Hbf dringend erweitert werden muss. Dies ist Voraussetzung für den Einsatz von akkubetriebenen Zügen, die bereits ab 2030 zum Einsatz kommen sollen und heutige Dieseltriebwagen ersetzen werden. Auch Verzögerungen bei der Verlängerung von Bahnsteigen an Haltepunkten entlang der Strecke hätten massive wirtschaftliche und betriebliche Folgen für den Einsatz neuer, längerer Fahrzeuge.
Auch auf dem Korridor Minden – Wunstorf sind Arbeiten im Vorfeld der nun bis 2035 angepeilten Umsetzung dringend erforderlich. Die stark befahrene Strecke zählt zu den überlasteten Schienenwegen in NRW und ist häufig Ursache für Verspätungen bis tief in Westfalen hinein. Um für Entlastung zu sorgen, sind unter anderem die Errichtung eines modernen Stellwerks in Minden, Überleitstellen für mehr Flexibilität sowie der Bau zusätzlicher Bahnsteige in Minden sowie in Haste (Niedersachsen) erforderlich – im Klimaschutzprogramm des Bundes (KSP) hinterlegte Maßnahmen mit besonderer Priorität und weit ausstrahlender Wirkung.
„Die grundlegende Sanierung der Infrastruktur in NRW ist dringend erforderlich“, betont Christiane Auffermann. So belege der Zustand des Schienennetzes im bevölkerungsreichsten Bundesland aktuell den deutschlandweit vorletzten Platz. Zudem werden rund zehn Prozent der Nahverkehrsleistungen in NRW auf überlasteten Schienenstrecken erbracht – mit erheblichen Einbußen bei Pünktlichkeit und Qualität. „Hier können wir nicht warten, hier muss jetzt Abhilfe geschaffen werden“, so die NWL-Geschäftsführerin. „Das sind wir den Menschen, die auf das System Nahverkehr setzen, ebenso schuldig wie den Unternehmen, für die ein funktionierendes Verkehrsangebot einen bedeutenden Standortfaktor darstellt“.
„Um zeitnah verkehrliche Verbesserungen zu erzielen, ist es wichtig, nun die Maßnahmen des Klimaschutzprogramms von den zeitlich verschobenen Korridorplanungen zu entkoppeln und schnellstmöglich zu realisieren“, macht Kai Schulte, Leiter des Kompetenzcenters (KCITF NRW), deutlich. „Wir sind gesprächsbereit und offen für Lösungen, erwarten aber, dass die DB zu getroffenen Vereinbarungen steht und insbesondere an Stellen mit akutem Handlungsbedarf nun rasch tätig wird.“ Dabei verweist Kai Schulte auch auf die Gefahr, dass Bundesförderungen auslaufen, wenn sie bis zur gesetzten Frist nicht genutzt werden.